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Wege zum "Ruhm" - Daniel Kehlmanns neun Geschichten und wie daraus ein Roman wird
Geschrieben von Claudia Hillebrandt   
Sunday, 08 February 2009
41pdq48ld7l._sl500_aa240_.jpg"Ruhm" zu lesen ohne es mit der "Vermessung der Welt" zu vergleichen, ist schwer möglich. Glücklicherweise ist dies auch nicht nötig, denn "Ruhm" erweist sich in jeder Hinsicht als Gegenstück zu Daniel Kehlmanns Mega-Romanerfolg von vor vier Jahren. In neun Geschichten präsentiert uns der Autor hier dezidiert einen Roman: Ein interessantes erzähltechnisches Experiment, das nicht vollends geglückt erscheint, aber gerade dadurch das große Potential seines Autors enthüllt.

Über "Ruhm" ist bereits viel geschrieben und gesagt worden, nicht zuletzt von Kehlmann selbst. Es ist bemerkenswert zu beobachten, wie hier ein Autor die Deutung seines eigenen Werkes in die Hand zu nehmen versucht - parallel zur etablierten Literaturkritik. Hier findet, scheint's, eine Vermischung verschiedener Einflussbereiche im Literaturbetrieb statt. Eine Ebenenverschiebung wie sie Kehlmann auch als Erzähler reizen würde.

In "Ruhm" sind alle neun Geschichten lose miteinander verwoben: Übers Handy, durch berufliche oder private Beziehungen der Figuren, über das Verhältnis von Autor und Figur. Kunstvoll und  erzählerisch versiert verschränkt Kehlmann das Leben seiner Figuren miteinander. Eine nicht ganz neue Erzählform, die so in ähnlicher Weise auch den Episodenfilm kennzeichnet. Die neun Geschichten sind heterogen und führen uns stilistisch wie thematisch in unterschiedliche Welten. Teilweise bedienen sie Klischees, so zum Beispiel in der Geschichte eines unendlich dicken, schwitzenden, bei seiner Mutter lebenden Bloggers, einer typischen Kehlmannfigur. Teilweise greifen sie aktuelle gesellschaftliche Themen auf und präsentieren sie auf knappstem Raum in ihrer schockierendsten Zuspitzung: Zum Beispiel in der Geschichte um eine alte Frau, die zum Sterben in die Schweiz geschickt wird - von ihrem Autor. Dies gibt nicht zuletzt Anlass zur Reflexion sowohl über die Macht des Erzählers im Roman wie über die im Konzept der Sterbehilfe ausgedrückte Gottähnlichkeit des Menschen mit all ihren erschreckenden, moralisch intrikaten Konsequenzen.  Klug setzt Kehlmann diese beiden Bereiche miteinander in Bezug.

Was aber macht aus diesen sehr unterschiedlichen, in ihrer Verknappung teilweise brillanten, teilweise auch nicht recht überzeugenden Geschichten einen Roman? "Ruhm" habe keine Hauptfigur, betont Kehlmann. Gleichzeitig jedoch schließt er mit seiner neusten Arbeit an Leo Perutz' Novellenroman "Nachts unter der steineren Brücke" an, der erst durch seine vier Hauptfiguren zu einer schlüssig erzählten Geschichte wird. Wie bei Perutz liegt das Geheimnis hier in der letzten, der Meistergeschichte. Erst sie rundet "Ruhm" zu einem Ganzen und enthüllt die Pointe dieser neungliedrigen Versuchsapparatur. Diese letzte Geschichte ist des öfteren als aufgesetzt oder manieriert kritisiert worden. Und doch erweist sich in ihr wieder einmal Kehlmanns dichterische Subtilität, verweist sie doch darauf, dass die Hauptfigur dieses "Romans in neun Geschichten" auf einer anderen Ebene als der ihrer neun Teile selbst zu suchen ist. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Im Vergleich mit der "Vermessung" ist "Ruhm" stilistisch wie thematisch das genaue Gegenstück: In seiner eher avantgardistischen Form ist dieses Buch viel weniger rund als die Doppelerzählung um die Naturforscher Humboldt und Gauß. Und es demonstriert um so eindrucksvoller die Macht der Literatur im Ordnen, nicht Vermessen der Welt. Daniel Kehlmann ist mit "Ruhm" auf dem besten Wege ein solches machtvoll ordnendes literarisches Werk vorzulegen - auch wenn sein neuer Roman viel weniger aus einem Guss und damit in sich weniger überzeugend erscheint als sein Vorgänger.  

 
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