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„Wenn dir die Worte fehlen, sag es mir“ - Herbert Hindringers „Distanzschule“
Geschrieben von Alena Diedrich   
Tuesday, 22 January 2008

distanzschule_amazon.jpgNach Herbert Hindringers Debüt „biete bluterguss & suche das weite“ (2003) übt sich der gebürtige Passauer nun im Vierteltakt lyrisch bedruckter Seiten. Mit „Distanzschule“ ist es Herbert Hindringer erneut gelungen, in seinen Gedichten das alltägliche Grau zum Leuchten zu bringen. „In den Pfützen schwimmt Benzin / Schillernd wie ein Regenbogen“ schreibt Hindringer mit Reinhard Mey und auch Hindringer gehört irgendwie zu den Liedermachern seines Genres. Doch ist es nicht Mey, der sich wie ein roter Faden durch die Zeilen zieht, vielmehr sind es oft leonhard-cohensche oder bob-dylaneske Bilder, die Hindringers sprachlicher Minimalismus heraufbeschwört: „wie flüchten mit dem letzten liter / benzin im tank noch den sonnenuntergang erreichen / es ist nicht wie weinen, es ist viel weniger / als das, es ist das letzte lied des tages“.


Doch „es gibt dinge im leben // die kann man beschreiben / aber nicht beschriften“ und so ist es auch eine eigene lyrische Klasse, in der Hindringer sich gekonnt bewegt. Seine Gedichte sind Geständnisse, die die Magie des Augenblicks beschwören: „so will ich also sein: ablagefläche für ein haar von dir / im wege stehen, wenn du niemanden etwas angehst / dranbleiben, wenn du dich ausziehst“. Sie sprechen von der Sehsucht, sich in der Liebe zu finden -  und gleichzeitig darin zu verlieren und an den Ursprung alles Menschlichen zurückzukehren: „du bist der erste mensch / den ich kenne, der zum schlafen // die uhr nicht auszieht, sagtest du / hier bin ich richtig, wusste ich // weil mir die vorstellung gefiel / sowas wie der erste mensch zu sein“.

„Distanzschule“ weist auf das verborgene Zentrum hinter gesellschaftlichen Konventionen und Gewohnheiten. Der Band eröffnet einen neuen Raum auf dem zwischenmenschlichen Tanzparkett. Den Raum nämlich, der sich bei einer Begegnung zwischen zwei Menschen erschließt und der von Hindringer auf 127 Seiten für den nächsten Tanz frisch gebohnert wird. Immer geht es um das entscheidende Taktgefühl und um den Rhythmus, in dem das Leben und die Liebe sich treffen. Das Aufgeben von Distanz ist dabei immer Maxime. „Ich bin dir doch hoffentlich zu nahe getreten“, fragt der Sprecher der Gedichte und vermutet: „über den wolken / muss das wetter wohl hüllenlos sein.“

Mit der Liebe beginnt es immer harmlos, doch oft tragisch, „ein strichmännchen verliebt sich / in ein strichmädchen, das ist der // lauf der dinge“. Und wie die Gleichung „Wir lieben uns“ zustandekommt, ist in vielen Fällen schnell hergeleitet: „ich liebe mich, du liebst dich / wir lieben uns also“. Da schimmern die kleinen oder großen menschlichen Tragödien durch und bei weitem nicht immer sind es die zwischen zwei Liebenden. Auch gesellschaftliche Missstände kommen durch präszise gesetzte Wortspiele zum Vorschein, wie in dem Gedicht „Heimweh“: „die mutter ist nicht die hintertür / aber sie kann leise zuschlagen“.

Doch immer steht im Hintergrund und ganz ohne Kitsch der Wunsch nach Liebe, zu „wissen, was es heißt, zu zweit zu sein / ganz ohne den schatten eines allerletzten tages“. Diese Liebe kann voller Gewissheit auch durch alle Tiefen gehen und alle Hürden nehmen. Denn das ist das Schöne an der Liebe, dass sie letztenendes alles erlaubt, mal Engel, mal Teufel ist: „das letzte mal nackt, dass du anlauf nimmst / um über mich hinweg zu kommen, sagst du / da muss ich lachen und mache das licht aus / von der liebe angestiftet zu lügen.“

Da darf gelogen werden, gedichtet und nicht zuletzt auch geschwiegen, denn, frei nach Mascha Kaléko entstehen so die schönsten Gedichte: „Mein schönstes Gedicht? / Ich schrieb es nicht. / Aus tiefsten Tiefen stieg es. / Ich schwieg es.“ Was bei Hindringer so kingt: „schafe sind pflanzenfresser / und wir hatten unsere blumige sprache // schweigen aus reinem spaß an der weide“. Einfach nur da sein für den großartigen Moment und ihn Leuchten lassen...

Herbert Hindringer: „Distanzschule“, yedermann Verlag 2007. 10 €

 
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