Man könnte dieses Buch als Mischung aus Ecos "Der Name der Rose" und den Märchen aus tausendundeiner Nacht bezeichnen. Und hätte damit einerseits etwas über das Lesevergnügen ausgesagt, das der historische Roman des türkischen Nobelpreisträgers Pamuk bereitet. Andererseits hätte man aber die Besonderheit von "Rot ist mein Name" eigentlich verfehlt, das zugleich Kriminalroman, Liebesgeschichte, legendarische Erzählung ist. Und ein kluger Kommentar zum Verhältnis von Orient und Okzident, der Polarisierungen vermeidet, stattdessen Gemeinsamkeiten in der Tiefenstruktur beider kultureller Systeme aufdeckt.
Aus dem Istanbul des Jahres 1591 spricht ein Toter zu uns: Fein Efendi, der Vergolder der Illustratorenwerkstatt des Padischahs ist ermordet worden, sein zerschmetterter Körper liegt auf dem Grund eines Brunnens. Ein bebildertes Buch, das die Illustratoren heimlich im Auftrag des Sultans für den Dogen von Venedig anfertigen, scheint die Ursache für seinen Tod zu sein. Aus den Erzählungen der Illustratoren, des Oheim Efendi, der die Fertigstellung des Buches überwacht, seiner Tochter Seküre und seines Neffen Kara sowie der jüdischen Hausiererin Ester entsteht so die Romanhandlung. Auch die Illustrationen selbst sprechen, doch erst am Ende des Romans setzt sich das Bild vollständig zusammen. Die Kriminalhandlung hat Pamuk klug verwoben mit grundsätzlichen Problemen und Überlegungen zur Illustrationskunst, deren prekärer Status in einer vom religiös motivierten Bilderverbot geprägten Gesellschaftsordnung Auslöser für die Tat wird. Denn die moderne "fränkische Malerei", die aus Italien auch in das Osmanische Reich hinüberwirkt, typisiert nicht mehr, sondern will die Individualität des Porträtierten wiedergeben. "Stil" aber ist ein Schimpfwort für die Illustratoren. Und trotz ihrer Abgrenzungsversuche gegenüber der europäischen Malkunst setzt ihre Tätigkeit sie der Hetze des eifernden Predigers Nusret Hodscha und seiner Gemeinde aus. Ähnlich wie die verbotenen Bücher im "Namen der Rose" fungieren die Buchillustrationen so als Ausgangspunkt für weltanschauliche Reflexionen. Auch die Liebesgeschichte zwischen Kara und Seküre wird vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund geschildert. Hier wird auf erschreckende Weise deutlich, wie stark Seküres Unfreiheit auch ihr emotionales Erleben beeinflusst. Bis zuletzt bleibt offen, wem eigentlich Seküres Herz gehört. Auf raffinierte Weise verschränkt Pamuk verschiedene Genres in einer Geschichte und schwelgt dazu in opulenten Aufzählungen von legendarischen Überlieferungen und Bilddarstellungen, die den Reichtum dieser osmanischen Illustrationskunst und der eng mit ihr verzahnten Erzählungen in Schriftform "sichtbar" werden lassen. Ein reiches, kluges, spannendes und schillernd vielschichtiges Buch.
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